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Waisenstift Varel


„Wir waren Kinder ohne Kindheit“


Lesen Sie den Originalartikel auf NWZ-Online

Ehemalige des Vareler Stifts treffen sich nach 50 Jahren – Verdrängtes kommt hoch

Wiedersehen nach 50 Jahren: Erwin Vatteroth, Tina Mettjes, Ulrich Feldmeyer und Heinrich Gäfecke, der während des 2. Weltkrieges im Waisenstift war.

Maria Strahlmann aus Brake hat oft vor dem Waisenhaus aus dem 17. Jahrhundert gestanden. Viele Male in 50 Jahren. Am Freitag ist sie zum ersten Mal seit 1956 über die Schwelle gegangen.

„Wenn ich da gleich hineingehe, wird alles wieder lebendig“, sagt Maria Strahlmann (63). Sie hat Angst vor dem großen Schritt über die Schwelle zur Vergangenheit. Die Frau, die ein kleines 9-jähriges Mädchen war, als sie im Waisenstift Varel leben musste, wird an diesem Tag von ihrer Tochter begleitet. „Mutter, dass Du so eine Liebe geworden bist, nach allem, was Du erlebt hast“, sagt sie.

Es ist der Tag, an dem sich 50 derer wiedersehen, die vor dem 2. Weltkrieg, währenddessen und nach dem Krieg im Waisenstift Varel aufgewachsen sind. „Wir wissen, dass diese Menschen, die Kinder des Waisenstifts Varel mit Bedrückung hierher gekommen sind. Wir wissen: Hinter den schönen Mauern dieses alten Gebäudes hat auch das Grauen regiert“, sagt Ulrich Feldmeyer, der heute Leiter des Waisenstifts Varel ist.

Feldmeyer (59) hat sich mutig der dunklen und brutalen Vergangenheit des Hauses gestellt, das seit 1671 ein Waisenhaus in Varel ist. Nach den Berichten in der NWZ  über Misshandlungen dort und in anderen Heimen des Oldenburger Landes, in Niedersachsen und der gesamten Republik, hat er gemeinsam mit unserer Zeitung beschlossen, dass man mit den Opfern von damals ins Gespräch kommen muss. Dass man hier im Waisenstift mithelfen kann, die Schmerzen der Opfer von Gewalt und Misshandlung, Unterdrückung und Missbrauch an Leib und Seele ein bisschen zu heilen.

Dafür hat man Feldmeyer bedroht in Varel. Er werfe Dreck, haben anonyme Anrufer ihm gesagt. Man wisse, wo seine Familie wohne. Er solle sich vorsehen. „Das hat mich schlaflose Nächte gekostet, aber ich gebe nicht auf.“

Gerd-Christian Wagner, Bürgermeister der Stadt Varel, hat sich im Namen der Stadt und seines Rates ebenso der Verantwortung gestellt. „Wir sind bei ihnen“, hat er den Opfern am Freitag gesagt.

Waltraud Jörg ist eines dieser Opfer. Die 67-jährige Krankenschwester mit dem roten Blazer geht energisch nach vorne, als sie zu den Ehemaligen spricht. Es ist still im Saal, als sie von den Schlägen erzählt und davon, wie den Jungen zur Strafe vor allen im Innenhof des alten Vareler Waisenstifts die Haare geschoren wurden, bis da kleine Glatzköpfe standen. Die ersten im Saal weinen bei diesen Worten. Überhaupt fließen viele Tränen an diesem Tag der Erinnerung und des Wiedersehens. An diesem Tag der Konfrontation mit einer Geschichte, die das Leben aller geprägt und irgendwie bestimmt hat, die hier einmal lebten und litten.

„Es ist gut, wenn wir heute weinen“, sagt Tina Mettjes (70), die in den 40er Jahren im Waisenstift war. „Ich bin zufrieden mit meinem Leben. Meine Kinder und Enkel schenken mit so viel Liebe. Alle sind gesund. Das ist wichtig.“ Tina Mettjes musste im Vareler Heim immer Geburtstag am 2. September feiern. „Dabei hatte ich doch erst am 2. Dezember Geburtstag. Die Heimleiter wollten es so.“

Sie habe alles jahrzehntelang verdrängt. „Ich konnte ja mit niemandem darüber sprechen.“ Ursula Graef (66) sagt heute traurig.: „Heute denke ich, die ganze Kindheit ist weggeschmissen. Sie war von 1947 bis 1952 im Vareler Heim. „Kindheit soll eine schöne Zeit sein. Wir waren Kinder ohne Kindheit.“ Ursula Graef hat ein Dokument bei sich, in dem die Hausordnung des Waisenstifts abgedruckt ist: „Schläge auf den Kopf sind beim Züchtigen zu vermeiden“, steht da. „Aber gerade auf den Kopf haben die uns immer geschlagen“, sagt sie. Und die Angst vor diesen Schlägen quält sie bis heute.

Quelle NWZ Oldenburg vom 01.05.2010

Fußweg nach Stollhamm gefordert 


Originalartikel Kreiszeitung Wesermarsch, 16.08.2010

Stollhamm. Wer vom Haus Christa aus in den Ort Stollhamm möchte, muss gut zu Fuß sein. Menschen, die nicht am Rand der viel befahrenen Kreisstraße gehen können oder wollen, gelangen nur über einen Privatweg zum Bahndamm. Der Kreisbehindertenbeirat Wesermarsch will dies ändern: Er fordert den Bau eines Fußweges entlang der Straße. (Von Ellen Reim)

Der Kreisbehindertenbeirat Wesermarsch sah sich gestern die Situation beim Pflegeheim Haus Christa an. Er fordert, so schnell wie möglich einen Fußweg von der Einrichtung ins Dorf Stollhamm entlang der Kreisstraße anzulegen.
Dr. Gesa Hansen, die Vorsitzende des vor einem Jahr gebildeten Beirats, findet, dass die jetzige Situation für die Bewohner der Einrichtung nicht tragbar sei. „Die Menschen hier wollen schon lange einen Fußweg an der Kreisstraße, und wir als Kreisbehindertenbeirat sind dafür prädestiniert, uns für dieses Anliegen einzusetzen“, sagt sie.

Unsichere Strecke
Der Beirat, der gestern seine Sitzung im Haus Christa abhielt, kann sich nun mit einem Antrag an den Landkreis Wesermarsch wenden, baldmöglichst einen Fußweg zu bauen. Das sei wichtig, damit die Haus-Christa-Bewohner auch die Möglichkeit hätten rauszukommen, betonte die Vorsitzende.

Sabine Henschel-Joraschek, die Pflegedienstleiterin im Haus Christa und Mitglied im Kreisbehindertenbeirat ist, spricht es deutlich aus: „Unsere Bewohner sind auf der Straße nicht sicher.“ Wer nach Stollhamm wolle, könne aber nur entlang der Straße oder über den Bahnweg in den Ort kommen.

Doch während der Marsch auf dem schmalen Rasenstreifen neben der Fahrbahn gefährlich ist, ist die Alternative nicht für alle überhaupt nutzbar. Wer zum Bahndamm will, muss zunächst die Straße überqueren. Dann geht es einen kleinen privaten Schotterweg entlang, dessen Eigentümer Haus Christa die Nutzung erlaubt. Zum Bahndamm sind es dann noch gut 50 Meter. „Wenn es länger geregnet hat, ist der Weg für diejenigen, die schlecht laufen können oder sogar im Rollstuhl sitzen, überhaupt nicht passierbar“, sagt Sabine Henschel-Joraschek.

„Im vergangenen Winter war es so, dass wir drei Monate lang die Bewohner mit dem Auto nach Stollhamm gebracht haben, weil es zu Fuß überhaupt nicht ging“, erinnert sie sich. Die Mitglieder des Kreisbehindertenbeirates waren sich einig, dass dringend Abhilfe geschaffen werden müsse. „Es handelt sich nur um eine kurze Strecke bis in den Ort“, sagt Gesa Hansen.

Der Kreisbehindertenbeirat tagt regelmäßig alle vier bis sechs Wochen. Dabei befassen sich die Mitglieder mit ganz unterschiedlichen Themen.

So ging es gestern nicht nur um das Haus Christa, sondern unter anderem auch um die ärztliche Versorgung in der Wesermarsch. Auch zu diesem Thema will der Kreisbehindertenbeirat sich in Zukunft äußern.
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